Arbeitszentrum Nord - HomeWEITER?GEHEN! - Anthroposophie im 21. Jahrhundert

Weitergehen! Ein Tag für Menschen und Anthroposophie

Es ist natürlich nicht üblich dass man als Veranstalter und Mitwirkender über die eigene Veranstaltung berichtet. Insofern möge das Folgende eben auch nicht als Bericht aufgenommen werden, der ein Stattgefundenes abbilden möchte, es mag selbst als ein Weitergehen angesehen werden.

Ausgangspunkt der Veranstaltung am 6.6.2009 in Hamburg im Rudolf-Steiner-Haus waren zwei Motive. Das eine Motiv ergab sich aus der Zusammenarbeit im Arbeitszentrum Nord – einen Tag zu gestalten für Menschen, die nach Möglichkeiten suchen, Anthroposophie im 21. Jahrhundert miteinander zu finden. Ein Hintergrund war die allgemein bekannte Tatsache, dass sich die bisherigen Arbeitsformen immer mehr ausdünnen. Immer weniger Menschen nehmen an den tradierten Arbeitsformen teil. Man kann dann als Arbeitszentrum Thementage veranstalten, oder Mitgliedertage – wir haben uns für einen sehr freien Schritt entschieden. Einen ersten Schritt, der gewissermaßen den Schritt, bzw. das Gehen selbst in den Mittelpunkt stellt. Die Unbestimmtheit dieses Angebotes war schon gewollt – aber war uns auch klar, was es bewirken würde? Ein zweites Motiv war ein ganz persönliches Gefühlserlebnis. Das Erleben, das sich bei mir im Jahr 2008 in etwa so zum Ausdruck brachte: Es geht weiter! Es geht weiter mit der Anthroposophie – inhaltlich, menschlich. Es geht endlich weiter. Ein solches Erlebnis ist natürlich nicht ungefährlich. Besagt es doch indirekt, alles Bisherige ist kein Weitergehen. Und wirkt insofern möglicherweise kränkend auf alle mühsamen Bestrebungen, Anthroposophie weiterzutragen. Und was meint solch ein Gefühl eigentlich inhaltlich – worauf stützt es sich, es kann doch gar nicht repräsentativ sein?
Erst einmal beschreibt dieses Gefühl in all seiner Persönlichkeit nicht, dass es nur für mich weitergeht. Also es geht nicht um einen ausschließlich persönlichen Fortschritt; wie es eigentlich überhaupt nicht um einen Fortschritt, ein Vorwärtsgehen geht, sondern eben um ein Weiter-Gehen. Also im weitesten Sinne. Weitergehen ist so gesehen auch eher ein zeitliches Geschehen, als ein räumliches. Nicht zu vergessen auch ein inhaltliches Weitergehen ist gemeint, aber ein Inhalt, der eingebunden ist ein gemeinsames Weitergehen der Menschen miteinander. Deutlich soll gesagt werden, dass es noch nicht einmal nur im engeren Sinne auf die Anthroposophische Gesellschaft beschränkt gedacht ist. Es ist bei aller zunehmenden Unsicherheit und Apokalyptik im Weltgeschehen, doch auch eine
gleichzeitige Zunahme der Möglichkeit zu bemerken, dass aus einzelnen Menschen ein solches Weitergehen hervorgeht, und damit die Welt in eine menschliche Bewegung hineingenommen wird (andersherum kann der Mensch das Gefühl haben, von der Weltbewegung überrollt zu werden).

Die Frage, wie sich Menschen in diesem Weltgeschehen heute halten können, die Fragen nach dem Gehen in dem oben angedeuteten subjektiven und objektiven Schwellenbereich, die Frage nach der Art der gegenwärtigen Anthroposophie, waren dann die in der Einladung von Seija Zimmermann, von Roland Wiese und Wolf-Ulrich Klünker genannten Ausgangspunkte.

Als Veranstalter waren wir sehr unsicher, wie viele Menschen sich von einem solchen Angebot ansprechen lassen würden. Es waren dann 55 Menschen, die sich aus der gesamten Region des Arbeitszentrums Nord am Morgen im Rudolf-Steiner-Haus einfanden und eine vielfältige Mischung bildeten. In ihrem Eingangsbeitrag fragte Seija Zimmermann, die auch ihre eigene Unsicherheit bekannte, nicht zuletzt bewirkt durch die wenigen Kontakte mit den Veranstaltern im Vorfeld, also einem relativ abstrakten Vorlauf, - Seija Zimmermann
fragte nach dem, was die Menschen zu einer solchen Veranstaltung führt. Sie sprach direkt den ‚Drang’ an, der gewissermaßen in der Anthroposophie Menschen in einem gewissen Vertrauen zusammenführt, ohne dass schon von Vorneherein klar ist, was dort geschehen wird. Dieser ‚Drang’ – ein Begriff Rudolf Steiners aus den späten Karmavorträgen, kennzeichnet, wie sich geistige Verwandtschaft und Vorbereitung in dem einen Leben im nächsten als ein solcher Drang, wieder zusammenzukommen, auslebt. (Dies gilt natürlich eingeschränkt auch schon für einen solchen Zusammenhang innerhalb eines Lebens). Wolf-Ulrich Klünker hatte den Eindruck, dass die Gestaltung des Einladungsprospekts eher zu einem Fliegen, oder Schwimmen oder Springen einladen könnte. Er wies daraufhin, dass es
sich eben nicht um ein lineares Weitergehen handele, man gehe aus der Vergangenheit in die Zukunft, sondern erst der freie Schritt in die Zukunft (man könnte auch sagen: aus der Zukunft) erschließt, ja schafft mir die Vergangenheit.
So zeigt sich aus dem heutigen Weitergehen, dass die Anthroposophie immer mehr von einer expliziten Erscheinungsform zu einer implizierten Anthroposophie tendiert. Ebenso zeigt sich aus einer solchen Perspektive, dass die Entwicklung bis ins 20. Jahrhundert hinein zum Menschen hin ausgerichtet war; die Entwicklung heute aber vom individuellen Menschen ausgeht. Alle Weltverhältnisse von Natur, Technik und Wirtschaft werden immer abhängiger davon, dass Menschen mit ihnen verbunden sind und bleiben (insofern hat sich die Steinersche Prognose
einer Stradertechnik implizit eingelöst – ob eine Technik oder eine wirtschaftliche
Unternehmung ‚gut’ wird, hängt von den damit verbundenen Menschen ab). Matthias Bölts, als Lehrer in anthroposophischer Musikausbildung tätig, zitierte Arnold Schönberg, der als Kennzeichen eines guten Lehrers den Mut zum Blamieren einforderte. Steffen Hartmann (ebenfalls von MenschMusik e.V. in Hamburg) warf einen Blick auf die Entwicklung der Beziehung zu Rudolf Steiner in den letzten zehn Jahren, und fragte nach der geistesgegenwärtigen persönlichen Beziehung zu dem Wesen Rudolf Steiners (an Stelle einer Bindung an die historische Person).

Der weitere Gang des gemeinsamen Gespräches erforderte erst mal eine Umstellung der Sitzordnung – ein Näherrücken. Er zeigte aber auch, wie schwierig es ist, aus den individuell unterschiedlichen Voraussetzungen und Beziehungen in ein Gespräch auf Augenhöhe zu kommen, dass aber die Anthroposophie auch mitnimmt in dieses Sehen des anderen hinein.
Ein solches Weitergehen beginnt anscheinend erst einmal wie beim Gehen lernen des Kindes, mit einem merkwürdigen unfallverdächtigen Krabbeln, Stolpern, Fliegen, Fallen. (wobei die Versuchung besteht, dieses Gehenlernen durch übertriebene Ängstlichkeit zu unterbinden). Vor der Mittagspause hatten die gegenseitigen Missverständnisse den Raum nicht unmaßgeblich seelisch gefüllt.

In einem zweiten Akt wurden nach der Mittagspause, in drei Arbeitsgruppen, die vormittags aufgeworfenen Fragen weiterbearbeitet (Seija Zimmermann und Roland Wiese – ‚Werde ein Mensch mit Initiative‘; Wolf-Ulrich Klünker – ‚Anthroposophie und Zukunft‘; Matthias Bölts und Steffen Hartmann – ‚Anthroposophie in Ausbildung und Forschung‘). In der Arbeitsgruppe von Seija Zimmermann und Roland Wiese  wurde immer tiefer und persönlicher die Entstehung der heutigen Ich-Fähigkeiten und Ich-Kräfte bewegt, aber auch, welche Folgen das Vorhandensein der wie überschüssigen Willenskräfte für den einzelnen
Menschen haben kann. In dieser kleineren Gesprächsrunde konnte schon eine größere Einstimmung aufeinander erreicht werden. Das gemeinsame Gehen bekam einen mehr horizontalen Charakter.

So konnte dann im dritten Akt der gemeinsamen Abschlussrunde doch eine gewisse
Befriedung und Beruhigung erreicht werden. Inhaltlich spielte dabei eher die Frage eine Rolle – wie komme ich eigentlich in eine mir angemessene Bewegung auf den
unterschiedlichen Gebieten des Denkens, Fühlens und Wollens hinein. Hintergrund war dabei das Bild eines Seiltänzers, der sich nur in der eigenen Bewegung halten kann. Dabei wurde klar, es gilt auch, Bereiche für sich zu suchen, in denen Wahrheit durch Irrtum gesucht werden kann, ohne dass dabei gleich etwas zu Bruch geht. Der Irrtum klärt sich ja erst durch den nächsten Schritt auf – meist ja nicht vorher.

Offen blieb möglicherweise, wie eine solche Entwicklung, von der Esoterik des geistigen Inhaltes zu einer Esoterik des Ich, gesellschaftsbildend wirken kann. Denn bisher sind es ja oft die inhaltlichen ‚hohen’ Themen, die das Zusammenkommen zu Veranstaltungen und Arbeitsgruppen bewirken. Man nimmt dann ja auch Inhalt zum Anfassen mit nach Hause.
Dies war hier weniger möglich. Andererseits konnte auch an diesem Samstag ansatzweise erlebt werden, dass ein gemeinsames Bemühen um eine solche Gegenwärtigkeit von mir und meinem Inhalt auf die Dauer dazu führen kann, dass man in ein gemeinsames Leiserwerden bis zu einem Schweigen kommen kann, das möglicherweise von der Substanz spricht, die Anthroposophie heute sein kann. In einem solchen Leiserwerden kann man dann auch zu dem Motiv der leisen inneren Stimme des Gewissens (ein neben dem Tagesbewusstsein mitlaufendes Korrektur-Bewusstsein) kommen, mit der das Ich sich mit der Zeit immer mehr identifizieren kann, um dann die vorlaufende Wie-ich-so-bin-Gestalt immer mehr als Doppelgänger erleben zu können. Geistige Praxis, gewissermaßen geistige
Selbstverstärkung kann dann dazu führen, dass ich es aushalte, die Wirklichkeit auch in diesem Sinne anzuschauen. Vielleicht mit jenem Hintergrundgefühl, das sich im Umgang mit der Hegelschen Aussage einstellen kann: Was ist, ist gut. Es soll nicht verschwiegen bleiben, dass ein solches Weitergehen miteinander unendlich anstrengend ist, und dass das Weglaufen vor solchen Anstrengungen immer wieder als verlockende Möglichkeit erscheint.

Im Arbeitszentrum Nord werden wir diesen ersten Schritt jetzt anschauen und dann
miteinander den nächsten kleinen Schritt suchen. Für Anregungen sind wir dabei jederzeit offen.  

Roland Wiese
Horstedt (Arbeitszentrum Nord)

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